Zum zwölften Mal hat Lehrte am ersten Septemberwochenende den Blues

Es begab sich im Jahre 1981. Da brach ein Grüppchen von LehrterInnen auf, um im hohen Norden sein Glück zu machen - zumindest sein Urlaubsglück. Daß dies im nachhinein für viele Bluesfreunde jeweils einmal im Jahr einen glückseligen Tag und eine ebensolche Nacht bedeuten sollte, hat damals keine(r) der zwölf geahnt. Jedenfalls stellten diese zwischen Fjorden, Blockhütten und Elchen fest, daß sie alle auf eine bestimmte Musikrichtung abfuhren: Aus den Batterierekordern und den Autoradios tönten mit Vorliebe Canned Heat, natürlich die Stones und was damals sonst noch so Blues in irgendeiner Form spielte.

Ein Jahr später, beim Sehnder Open-air-Festival auf dem Realschulhof, das es damals schon seit einigen Jahren gab, nahm die in der norwegischen Blues-Ursuppe zaghaft geborene Idee konkret Gestalt an: "Wir machen auch ein Open-air, aber ausschließlich mit Blues" lautete der Beschluß der LehrterInnen. "Damit sowas nie wieder passiert!", titelte damals das Szeneblättchen "ALK" -das mit dem Kreis um's A- und druckte in seiner Sonderausgabe zum Bluesfestival einen Zeitungsartikel von 1979 ab. Unter der Überschrift "Engagierte Blues-Musiker wollen ihre Band auflösen" war damals der letzte Gig der Lehrter "Service Blues Band" angekündigt worden.
Im Auftrage der Herren Allison, Hooker, King und so weiter stellte das Trüpplein Aufrechter 1984 das "1. Lehrter Bluesfestival" auf die Beine, die im matschigen Untergrund nur mühselig Halt fanden. Denn die Kritiker schrieben es dem schlechten, regnerisch-kalten Wetter zu, daß sich zu der Freiluftfete am Rodelberch je nach Zeitung nur 300 beziehungsweise 500 zahlende Gäste eingefunden hatten. Die aber ließen sich's bei Eintrittspreisen von fünf beziehungsweise sieben Mark an der Abendkasse gut gehen, schließlich bekamen sie dafür auf der mühselig selbstgebastelten Bühne aus Tischlerböcken und echten Brettern gleich vier Bands serviert.
Damit auch klar ist, was hier gespielt wird, hatten gleich alle vier auch den Blues im Namen: die hannoversche "Back Door Blues Band", die "Extra Stout Blues Band" von ebenda, die "ST's Blues Band" aus Berlin und die "Blues Company" aus Osnabrück -damals eine vielversprechende Band auf dem fast senkrechten Ast nach oben- erfreuten unter Regenplanen hervor das schirmgeschützte Publikum.
Trotz des Minus' unterm Strich, mit dem das Festival schließlich für jeden der fünf Mitbegründer Frank Dubenkropp, Michael und Jens Veenhuis, Ingrid Nowc und Wolfgang Reimann einen Verlust von 1000 Mark bedeutete, ließen die sich nicht entmutigen und packten gleich die Vorbereitungen für das zweite an. Mit von der Partie waren wieder der 1981 gegründete Lichtanlagenverleih "Blues-Coop", heute "Bühnentechnik", Mitarbeiter des Anderen Kinos sowie der ALK-Redaktion und andere, die sich zum "Freundeskreis Bluesfestival Lehrte" zusammengeschlossen hatten. Und natürlich bei jedem Festival viele zuverlässige Helfer, die beim Bühnen- und Lichtanlagenaufbau, an der Salatbar und im Saftladen, an den Kassen, am Grill und in der stressigsten aller Buden, dem Bierstand, unentgeltlich schuften.
Die Rüdiger Scholz Band aus Hannover, Das Dritte Ohr, Loesekes Blues Gang und die Blues Guys aus Hildesheim, After Blues aus Polen, Phonus Balonus aus Hamburg, Raw Hide aus Belgrad, Little Martin And The Roosters, die Short Biscuits aus Göttingen, Eb Davis Blues Band aus Berlin, New York Nick Blues Band aus wie der Name schon sagt, Sweet Mama aus Frankreich, die Hamburger B. Sharp, die Foolhouse Bluesband aus Hofstätten und Juke aus Liverpool, um nur eine kleine Auswahl aufzuzählen, gaben sich in Lehrte die Ehre und auf der Bühne die Mikrofone in die Hand. Darunter sogar zwei einheimische Gruppen: Die Bert Schwarz Band war eine der ersten, deretwegen die Bluesfexe von der Einmaligkeitsregel Abstand nahmen, die besagt, daß jede Gruppe nur einmal spielen darf (schon deswegen mußt Du auch diesmal dabeisein, Bert!), und Backdoor Love Affair, die es inzwischen aber nicht mehr gibt. Aber auch für andere Gruppen galt mittlerweile die Ausnahme von der Regel.
Im Laufe der Zeit hat das Bluesfestival sein Gesicht ein wenig gewandelt. Zwar steht die Bühne immer noch am selben Platz, aber das alte "Holzwollschnitzelwerk" ist einer richtigen Profibühne aus dem Bestand der Lichtleute gewichen. Dort haben dann auch ein paar Meter mehr Licht Platz, und auch die Audio-Coop aus Hildesheim, ebenfalls von Anfang an zuständig für das Übertragen manchmal auch schiefer Töne, rakelt sich längst nicht mehr mit den alten Mischpulten ab. Trockenen Kopfes kann man seit drei Jahren sein Steak verzehren, denn der MV -die Jungs mit dem Totenkopf auf dem Rücken- leiht jedesmal sein 1a-dichtes NVA-Zelt für die Unterbringung der Essenstände und Sitzgelegenheiten her.
Die Besucher honorieren es, indem sie regelmäßig wiederkommen - und irgendwie immer noch ein paar mehr als letztes Mal dazukommen. Nicht nur bei den unerfahrenen Neulingen sind die gelben Schirme mit dem schwarzen Blues-Logo begehrt, die vor zwei Jahren zum ersten Mal angeboten wurden. Die schwarzen T-Shirts, 1990 mit sämtlichen Bluesfestival-Daten vom ersten bis zum zehnten Mal erschienen und längst vergriffen, gelten inzwischen als Reliquie, obwohl oder gerade weil die tatsächlichen Veranstaltungszahlen die aufgedruckten Daten längst Überholt haben. Inzwischen ist der Regen zum Bluesfestival so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Nässe von oben gehört mit zu dem Ritual, und wer nicht mindestens einmal bei der Bluesparty ordentlich durchgeregnet ist, gehört eigentlich nicht so recht zur ständig wachsenden Fangemeinde. Es soll sogar schon Leute gegeben haben, die an der Kasse ihr Geld zurückverlangen wollten, falls es nicht regnet...
(sun)