Stell Dir vor, Abi Wallenstein spielt in Lehrte und keiner weiss Bescheid


Same procedure as every year! koennte man fast schon sagen. Denn eine Wiederholung gab es bereits beim Lehrter Bluesfestival - und zwar abseits der Gruppenauswahl: Wie im letzten Jahr suchten rund 1500 Fans den Rodelberch heim, um dem Blues zu froenen - viele schon ab 16 Uhr, also von Beginn an. Ansonsten war - wie jedesmal - alles doch irgendwie anders. Denn komischerweise hatten alle das Gefuehl, dass es viel mehr waren. Das mag zum Teil auch daran gelegen haben, dass die Lehrter als Lokalpatrioten auch immer gern eigene Bands beklatschen und so schon zu Beginn ziemlich viele Leute da waren. Denn gaenzlich neue Toene Lehrter Ursprunx schallten die sommergruene Kufenpiste empor, als die Kellys, in Lehrte besser bekannt als "Kellermanns Blues Band", zu ihrem Debuetauftritt die Buehne enterte. Das gemischt englisch/deutsche Programm mit Titeln von Muddy Waters bis Ostbahn-Kurti uebertraf wohl die Erwartungen so mancher Zuhoerer, und auch die Galerie der Frontmen/Saenger gestaltete sich aeusserst abwechslungsreich: Neben dem Hauptsaenger und selbsternannten Hilfsgitarristen Wolfgang Tertocha alias Terti erhielten auch Rhythmusgitarrist Stephan Cammarota und Rhythmusmann Reiner Beilfuss, sonst hinter dem Schlagzeug zu Hause, Gelegenheit, sich mikrophonmaessig zu aeussern. Dabei stand den fuenfen gelegentlich ein damals noch rothaariger 13jaehriger Schuljunge namens Konstantin als Drummer bei, der wie die Kellermaenner auch seinen ersten Auftritt vor zahlendem Publikum hatte.
Der von den Kellermanns ins Deutsche transferierte und neu betextete ,,Hoochie-Coochie Man'' erntete reichlich Applaus, und erst nach zwei Zugaben konnte die Band die Buehne fuer die Nachfolger freimachen.
Schon fest etabliert im Bluesgeschaeft sind die Braunschweiger "Blues Bandits", die natuerlich auch lieber bei anstaendiger Beleuchtung, sprich: nachts aufgetreten waeren. Aber auch so hinterliessen die fuenf aus der Loewenstadt einen guten Eindruck, der sich nicht nur auf ihr weitgefaechertes, sauber gespieltes Repertoire beschraenkt, sondern auch die Buehnenshow mit einbezieht:
Auch bei Tageslicht schon schick, wenn Reinhard Doering mit Panamahut oben und schwarzweissen Zockerschuhen unten, in der Mitte eine Gitarre, von der Buehne huepft und sich rupfend und zupfend unters Volk mischt.
Den Mund ordentlich vollgenommen hatte Steve Hooks von der "Ron Evans Blues Band": Bei ,,Mustang Sally'' floetete der Allround-Blaeser auf zwei Saxophonen gleichzeitig. Auch Klarinette und Querfloete kamen - man hoerte und staunte nur - beim Blues zum Einsatz, da allerdings immer nur ein Instrument. Ansonsten geizten Ron & Co nicht so an Personal und schon gar nicht an guter Laune. Der Funke sprang jedenfalls bei den ersten Takten ueber, und die in Muenchen beheimatete und somit auch in Bayern erprobte Combo konnte die Spannung nicht nur bis zum Schluss halten, sondern setzte immer noch eins drauf.
Eigentlich sollte dann Torita Quick hinter dem Mikrofon stehen. Doch die auch hierzulande hochgeschaetzte und auch -gehandelte Dame bereitete ihrem Manager Norbert Hess grossen Kummer, da sie fuer diesen Tag noch einen anderen Gig festgezurrt hatte - und das erst zwei Wochen vor dem Festival herauskam. Da dies nicht das erste Mal war, geriet der Manager (,,Kein Stress, Herr Hess!'') dermassen in Brast, dass er das Goldkehlchen trotz dessen hoher Karatzahl aus dem Vertrag feuern wollte.... Im US-Staat Alabama wurde Herr Hess auf der Suche nach Ersatz fuendig: Eine Woche vor dem Festival wurde Pat Klipp aus Birmingham nach Berlin eingeflogen, um sich dort mit dem Reggie Moore/Rudy Stevenson Quintett einzuspielen. Die Kosten dafuer, so versichert Hess, will er bei der Verursacherin des Tohuwabohus wieder eintreiben.
Nicht ganz so fix mit dem Funken haute es schliesslich bei Pat Klipp und dem Reggie Moore/Rudy Stevenson Quintett hin. Die teilweise schon ergrauten Herren im tadellosen Smoking mit frischgebuegeltem Biesenhemd und die Dame in Abendgarderobe legten gepflegte Clubmusik hin, die allmaehlich immer mehr Fans ins Gedraengel vor der Buehne lockte. Nach anfaenglichen Warm-ups waren die Zuhoerer schliesslich schwer begeistert von der schwarzen Saengerin und ihren fabelhaften Kollegen, die teilweise auch schon mit dem Festival-Wiederholungstaeter Eb Davis zusammen muckten. Mit dabei auch der Ex-Defunkt-Drummer Kenny Martin.
Bodenstaendiger ging's wieder bei der naechsten Gruppe zu, die dafuer aber nochmal kraeftig aufs Gaspedal trat: Kein Mitleid hatte "No Mercy" mit den Besuchern, die immerhin schon vier Gruppen hinter sich hatten. Im Gegenteil: Obwohl die Zuschauer auf Henry Heggens Washboard- und Kazoo-Einsaetze verzichten mussten (er war gerade Vater geworden) und auch Dick Bird samt Mandoline und Banjo verhindert war, ging die Post ab: Die freigewordenen Plaetze fuellte sehr zum Entzuecken der Fans Blues-Urgestein Abi Wallenstein, der von seinen Freunden gefragt worden war, "ob er nicht eben mal..." Und so kam der Abi Wallenstein nach Lehrte, und keiner hatte diese Sensation vorher auch nur geahnt!
Diesmal hatten diejenigen die zahlreichen Wetterwetten am Rodelberch gewonnen, die auf ein trockenes Festival gewettet hatten: Bisher einzigartig in der dreizehnjaehrigen Geschichte des Bluesfestival ist es, dass waehrend der ganzen Zeit nicht ein einziger Tropfen herabkam - auch nicht, wie im vergangenen Jahr und scheinbar auf Bestellung, kurz vor Mitternacht. Die Buehnentechnik-Leute hatten allerdings vorgesorgt, die Eintrittsgelder brauchten nicht zurueckgezahlt zu werden. Als auf Franks Frage ,,Wollt Ihr Regen?'' ein vielstimmiges ,,Jaaaaa!'' vom Publikum erscholl, schoss Wasser aus den Dachholmen des Buehnenaufbaus auf die Leute herunter, die blitzschnell ihre mitgebrachten Schirme aufspannten oder sich einfach so vom Kunstregen durchweichen liessen - eben perfekter Service bis zum Schluss!
sun