Klagen gabs im letzen Jahr keine. Nicht mal über das Wetter, im Gegenteil: „Nur Weicheier bleiben bei Regenansage zu Hause“, schrieb Lola aus Steinwedel ins Gästebuch auf www.blues-in-lehrte.de – stellvertretend für die rund 1.000 Festivalbesucher, die sich trotz grau-trüber Aussichten am 5. September auf das 26. Bluesfestival am Rodelberch in Lehrte trauten. Und auch noch jede Menge Spaß hatten. Die Bühnen-Gäste aus Spanien, Los Reyes del KO, zeigten sich doch sehr verwundert, dass bei dem Mordsguss gegen 17 Uhr die Menge nicht fluchtartig das Gelände verließ. Im Gegenteil: Mit geübtem Griff wurden Regenjacken angezogen, Kapuzen über den Kopf gestülpt, Schirme aufgeklappt und weiter getanzt – schließlich war es dem Bluesfestival in Lehrte die ersten Jahre immer so und nicht anders ergangen. In den Neunzigern und im neuen Jahrtausend wurden die Besucher bisweilen plötzlich von der Sonne verwöhnt – für einige war das der Anlass, ihr Eintrittsgeld zurück zu verlangen. Sie meinten augenzwinkernd, so ohne echtes Blueswetter sei das ja nichts Reelles!

Neben dem Wetter spielt natürlich die Bandauswahl die Hauptrolle – oft und gerne kritisiert, schließlich sind die Geschmäcker verschieden. Diesmal fand sie trotz – oder gerade wegen – des außergewöhnlich niedrigen Durchschnittsalters aller Auftretenden allgemein großen Beifall, beim zahlenden Publikum ebenso wie bei den rund 90 Helfern auf dem Platz, so weit sie denn während des Bedienens im Bierstand oder am Grill, in der Salatausgabe oder hinter der Kaffee- & Kuchentheke, im Antialk-Stand oder backstage als Roadie überhaupt etwas vom Musikprogramm mitbekamen.

Den schwierigen Part der Eröffnung hatte der Redbox BluesClub aus Hildesheim zu erfüllen – die fünf blutjungen Blueser meisterten ihn jedoch mit Bravour. Obwohl es die Band erst seit zweieinhalb Jahren gibt, zeigte Frontmann Robin Grentz mit Stimme und Bluesharp im Zusammenspiel mit seinen vier Mitstreite rn bereits beachtliches Können und machte mit Blues der 40er und 50er Jahre gute Laune auf dem Gelände.

Die Blueswalkers aus Hamburg sorgten als mobiles Einsatzkommando vor der Bühne dafür, dass das musikalische Entertainment nicht abriss. Die Brüder Stephan „McEbel“ und Raimund „GreyWolf” Ebel sowie Tastenmann Tom Jack verfügen über ein vielseitiges Repertoire mit Bluesstandards, Swing, kleineren Jazzausflügen, aktuellen Bluestiteln und Eigenkreationen. Mit Gitarre, Harp, Dobro, Banjo, Schlagzeug, Cajon und Congas lieferten sie eine mitreißende Show, damit auch in den Umbaupausen keine Langeweile aufkam.

KO ging niemand, als Los Reyes del KO ihre spanische Version des Blues kredenzte. Im Gegenteil, das Publikum stellte fest, dass der Blues auch dort ohne Kastagnetten auskommt, dafür aber als Riesenparty zelebriert wird, wie die zahlreichen Tänzer in ihren bunten Regenoutfits vor der Bühne bewiesen. Ein gewisser spanischer Einfluss ließ sich dennoch nicht leugnen, vor allem bei der eigenwilligen Bluesinterpretation von „La Paloma“ oder – aus gegebenem Anlass – Michael Jacksons „Thriller“. Mit Pfiffen, Zurufen und heftigem Applaus forderten die Besucher am Ende des Auftritts energisch Zugaben von Marcos Coll und Adrian Costa, die die Stimmung mit ihrer hervorragenden Band – dem großartigen Christian Rannenberg an den Tasten, dem ebenfalls begnadeten Carlos Dalelane am Bass, Marcel van Cleef als kompetentem Rhythmusbeauftragten am Schlagzeug und Thomas Feldmann am Saxophon – dem Siedepunkt entgegen trieben, wobei Feldmann ob seines exzellenten Saxophon-Spiels und der hinreißenden Showeinlagen noch auf dem Open Air den Beinamen „das Tier“ erhielt. Auch bewies er bei dem Song „Bye, bye, baby“, dass er die Bluesharp mindestens ebenso gut beherrscht wie sein Saxophon und wie der Frontmann Marcos Coll.

Nach solch einer Sause ist es für die folgenden Bands schwer, das Publikum nach der Umbaupause mit neuen Gesichtern auf der Bühne und anderer Musik für sich zu gewinnen – nicht so für Erja Lyytinen. Die energische Bluesgitarristin beeindruckte von Anfang an mit großer Bühnenpräsenz, und die Besucher übertrugen ihre Sympathie und die Partystimmung sofort auf die agile Finnin und ihre aus der Heimat mitgebrachte, nicht minder beeindruckende Band, als da waren Davide Floreno, Rhythmusgitarre, Rami Eskelinen an den Drums, Matti Valius am Bass und Keyboarder Harri Taittonen. Erja und ihre Mannen bedienten das Publikum erwartungsgemäß mit gitarrenbetontem Bluesrock, wobei sie ebenso wie bei ruhigeren Balladen ihre Slide-Gitarre pointiert zum Einsatz brachte.

Erja tourte gerade mit dem Blues Caravan von Thomas Ruf (Ruf Records) durch Deutschland – zusammen mit Oli Brown, der als Nächster die Bluesberch-Bühne enterte. Auch er wurde von einem wohlwollenden Publikum stürmisch gefeiert. Der gerade 19jährige Brite, als große Hoffnung des englischen Blues seit Jimmy Page, Jeff Beck, Eric Clapton und Peter Green gehandelt und bereits seit drei Jahren mit eigener Band unterwegs, bewies mit seinem vielseitigen Gitarrenspiel von filigran bis hin zu harten Bluesriffs und mit seinem Gesang, dass er die Vorschusslorbeeren zu recht erhalten hatte. Das Publikum sah einen dünnen jungen Mann im Anzug auf der Bühne, bei dem es sich fragte, ob er denn schon Auto fahren dürfte – und erlebte einen Parforceritt durch die Spielarten des Blues, wie man ihn sonst eher einem alten, erfahrenen Hasen zugetraut hätte. Fast ging die Band ein bisschen unter bei dem Glorienschein um den Blues-Jungspunt, aber Freddy Hollis und Simon Dring unterstützten ihren Bandleader souverän an Bass und Schlagzeug. Einen der Höhepunkte des diesjährigen Festivals stellte die Jamsession der beiden Blues Caravan-Tourer dar: Erja und Oli gemeinsam auf der Bühne, zu dritt – mit von der Partie war Erjas Gitarrist Davide Floreno – begeisterten sie mit Gitarrenblues der besonderen Sorte.

Nach all den Nachwuchs-Bluesmusikern, die gar keine mehr sind, sondern sich trotz ihres Alters unter 30 oder wie bei Oli sogar unter 20 bereits in der europäischen und internationalen Bluesszene etabliert haben, kamen mit Richie Arndt und Kellie Rucker zum Abschluss doch noch einmal alte Hasen zum Zuge, wobei Richie in Lehrte kein Unbekannter ist. 2001 war er zusammen mit seiner Stammcombo Jens Ulrich Handreka (Bass) und Drummer Frank Boestfleisch bereits am Rodelberch zu Gast, musste aber aus organisatorischen Gründen gleich am Anfang spielen. Nach diesem Auftritt war den Veranstaltern klar, dass Richie noch einmal antreten muss – acht Jahre später war es endlich so weit. Doch diesmal hatte Richie charmante Verstärkung mitgebracht: Bereits 2007 und 2008 absolvierte er mit Kellie Rucker zwei erfolgreiche Tourneen. Zusammen mit der ebenso stimmgewaltigen wie Bluesharp-erfahrenen Amerikanerin präsentierte er am Rodelberch ihre erste gemeinsame CD „Train Stories“ mit Songs und Balladen über die Eisenbahn und das Reisen. Die gerade 1,50 große Sängerin tourt seit 20 Jahren in Sachen Blues um die Erde und überzeugte mit ihrem virtuosen Harpspiel ebenso wie mit ihrer ganz selbstverständlichen Bühnenpräsenz. Sie hatte das Publikum ganz in der Hand, wobei auch für Kollege Arndt genug Raum für sein ausgefeiltes Gitarrenspiel blieb.

Auch sie wurden nicht ohne Zugaben von der Bühne gelassen, was für die Veranstalter allerdings kein Problem war, hatten sie doch in weiser Voraussicht die Programmplanung so vorgenommen, dass das von behördlicher Seite vorgeschriebene Festivalende um Mitternacht nur um eine Viertelstunde hinausgezögert wurde.
Das Lehrter Bluesfestival wird seit 26 Jahren im Stadtpark am Rodelberch vom Freundeskreis Bluesfestival – inzwischen ein eingetragener Verein – veranstaltet. Mindestens vier Bands bestreiten ab 16 Uhr bis Mitternacht das Programm, dessen moderate Eintrittspreise von 10 Euro im Vorverkauf und 14 Euro an der Abendkasse trotz hochkarätiger internationaler Bandauswahl deshalb so niedrig sind, weil das ganze Festival ehrenamtlich organisiert und durchgeführt wird.