30. Lehrter Bluesfestival: Frauenpower lässt den Berch beben

Alegra & the Özdemirs

Mit Spitzen-Bands, Superlaune und sonnigem Wetter genossen die Lehrter und viele Besucher, auch von weither, das 30. Bluesfestival in Lehrte. Rund 1500 Bluesfans feierten ausgelassen am Rodelberch, und vier Ladies gaben den Takt dazu vor: Alegra & The Özdemirs, Mariella Tirotto, Jessy Martens und Sharrie Williams waren mit ihren Bands am Rodelberch zu Gast.

Wie es ausgerechnet zum 30-jährigen Bestehen zu einer reinen Ladies’ Night kommen konnte, weiß Bernd Urlich Oehr von der Musikauswahlgruppe der Bluesfreunde. „Ich wollte diese Bands gerne mal hierher holen“, erklärte Oehr. „Dass sie nun alle gleichzeitig hier auftreten, ist Zufall“, verriet er – mit einem kleinen Augenzwinkern.

Den Besuchern gefiel die Auswahl von Beginn an ausnehmend gut: So hatte die stimmgewaltige Alegra Weng von Alegra & The Özdemirs feat. The Özdemirettes das Publikum sofort voll im Griff, als sie mit „Valery“ von Amy Winehouse ihren Gig und damit das 30. Bluesfestival in Lehrte startete – und ihre satte Blues-Stimme über das Gelände schwappen ließ. Die Band mit dem außergewöhnlichen Namen lieferte der Sängerin den passenden Klangteppich, auf dem sie souverän zu wandeln verstand. Als Backgroundsängerinnen The Özdemirettes begleiteten sie dabei gekonnt Alexandra Baronsky und Anna Nienerowski.

Glücklich konnten sich deshalb die Besucher schätzen, die um 16 Uhr gleich zum Beginn des Festivals dabei waren. Sängerin und Band brachten mit Titeln von Amy Winehouse, Alicia Keys und Aretha Franklin in ihrer eigenen Mixtur aus Blues, Soul und Pop das auf Blues bereits eingestelltes Publikum gleich richtig auf Touren. Dass das Stimmwunder auf der Bühne erst 15 ist, konnte niemand so recht glauben. „Sie hat diese Stimme und ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl in die Wiege gelegt bekommen und steht seit ihrem zwölften Lebensjahr auf der Bühne – einfach, weil sie es kann“, sagten Alegras Eltern, die ihre talentierte Tochter natürlich zu jedem Auftritt begleiten.

Der Bandname ist quasi Familiensache, schließlich spielen außer Erkan Özdemir, Bassist von Memo Gonzales, auch noch seine beiden Söhne Kenan an der Gitarre und Levent am Schlagzeug mit. „Das ist mal aus einer Schulband hervorgegangen“, sagte Alegra, deren Auftritt auch bei den jüngeren Festivalbesuchern gut ankam.

Mariella Tirotto trug nicht nur ein opulentes violettes Volantkleid, sondern hatte mit ihrer wunderbar variablen Altstimme auch gesangliche Opulenz zu bieten. Die Niederländerin und Halbitalienerin freute sich über die Hochsommer-Hitze und heizte zusammen mit ihrer Band Blues Federation angesichts ihrer persönlichen Wohlfühltemperaturen auch dem Publikum mit gitarrenbetontem Blues kräftig ein. Dazu lieferte sie sich mit ihrem Gitarristen Harald Koll auch so manches musikalische Duell. Die Kapelle hatte 2010 den niederländischen Blues-Award erhalten, und die jüngste CD „Dare To Stand Out“ war 2011 bestes Blues-Album des Jahres.

Wieso ausgerechnet eine Hamburgerin in spätsommerlicher Hitze, verstärkt durch die Wärme von vielen Scheinwerfern, wie eine Naturgewalt auf der Bühne explodieren kann, mag sich so mancher schwitzende Zuschauer gefragt haben: Jessy Martens und ihre Band rollten den Blues von der härteren, rockigen Seite her auf, wobei das Energiebündel mit der mal sexi-rauchigen, mal reinen und glasklaren, mal röhrenden Stimme wie ein Derwisch über die Bühne tobte – und dabei ihre Energie ungefiltert ans Publikum weitergab.

Auch sie häuft bereits Auszeichnungen wie den Deutschen Rockpreis und den German Blues Award für die beste Sängerin und beste Band 2012 an. Frauenpower im Doppelpack: Für das Stück „Trying to make a living“ von Koko Tayler betrieb sie Nachwuchsförderung in direkter Form und holte ihre junge Kollegin Alegra zum Duett auf die Bühne.

Trotz des weiblich dominierten Programms boten die vier Bands eine große, sehr differenzierte musikalische Bandbreite. Nach den Blues-Ladies betrat eine Blues-Diva die Bühne: Sharrie Williams aus Michigan hat sich dem traditionellen Blues und Gospel verschrieben und beglückte damit auch noch einige wenige Besucher, die neben den temperamentvollen Auftritten und bunten Blues-Mixes die Traditionals ein wenig vermisst hatten. Alle anderen waren sowieso fasziniert vom Auftritt dieser Grand Dame des Blues und den Wise Guys, die ihre Frontfrau nicht nur begleiteten, sondern auch immer wieder anfeuerten – und umgekehrt. „Jede Band war spitze, aber diese ist für mich das absolute Sahnehäubchen“, sagte Susanne Hennigs, Musikpädagogin aus Wipshausen und seit zehn Jahren treuer Bluesberch-Fan.

Doch auch den leiseren Tönen zollte das Publikum Respekt – und lang anhaltenden Applaus, wenn die vier Musiker der hannoverschen Band Blues in the box mitten im Publikum die Umbaupausen mit typischem Mississippi-Straßenblues überbrückten. „Die haben uns hier echt gefeiert“, freute sich Gitarrist Andreas Petschke und fügte hinzu: Es ist eine tolle Atmosphäre, man fühlt sich herzlich willkommen, und für uns war es eine große Ehre, hier als Pausenband spielen zu dürfen!“ Auch zu diesem Quartett gehörte eine Blues Lady: Annegret Arndt sang und spielte die Mundharmonika zu Gitarre, Cajon und Kontrabass ihrer Bandkollegen.

In den ersten Jahren waren die Bluesfestival von Dauerregen geprägt, sie fielen sozusagen ins Wasser. Doch die Bluesfans nahmen diese Herausforderung an, ernannten sie zum typischen Blueswetter und feierten trotzdem. Bis sich in den 90er-Jahren das Klima wandelte und die Festivals durchaus trocken und sogar mit sommerlichen Temperaturen verliefen – ohne einen Tropfen Blues-Wetter. Während diesmal in Hannover und der Umgebung regelrechte Unwetter tobten, konnten die Lehrter im Trocknen feiern.

Umso überraschter waren sie, als es trotz anderslautender Wetter-Apps plötzlich am Ende des Konzerts regnete. Auf der Bühne waren neben Kabeln für Licht und Ton auch Wasserschläuche verlegt worden, aus denen zum Abschluss eine kleine Abkühlung direkt auf die Feiernden spritzte – und damit an die ersten Bluesfestivals in Lehrte erinnerte.

„Das war ein absolut erfolgreiches Festival“, sagte Michael Veenhuis und gab damit auch die Ansicht aller anderen Organisatoren und Helfer wieder. Denn das Wetter war gut, die Besucher hatten gute Laune und die Verlosungsaktion unter den ersten 200 Festival-Besuchern hatte auch der ersten Band schon einen verdient gut gefüllten Platz beschert. Auch die Musiker fühlten sich nach eigenen Angaben auf dem Lehrter Bluesfestival sehr wohl und lobten die gute Atmosphäre – auf Facebook und im Internet-Gästebuch später sogar noch mal schriftlich. Dazu mag auch die Rückkehr des entführten Blues-Maskottchens Jochen, der Berchziege, beigetragen haben.

Blues in the Box aus Hannover